WILHELMSTRASSE 18, 52070 AACHEN
INFO@SUERMONDT-LUDWIG-MUSEUM.DE
TEL.: +49 241 47980-40

GEÖFFNET:
DI – SO 10.00 – 17.00 UHR
MO GESCHLOSSEN

 

Kunst- und Wunderkammer

dauerAUSSTELLUNG

Wundern und Staunen in der Bürgerlichen
Kunstkammer

Die ganze Welt in einer Kammer

Als Vorläufer der heutigen modernen Museen entstanden im 16. Jahrhundert adelige Kunst- und Wunderkammern und später auch bürgerliche Sammlungen, die das Universum und seine Ordnung abbilden und erfassen sollten.

DAS ERGEBNIS DER SAMMELLEIDENSCHAFT WOHLHABENDEr 
AACHENER Bürger

 

von menschenhand geschaffen

Artificialia

aus fernen ländern

Exotica

von der natur hervorgebracht

Naturalia

wissenschaftliche Instrumente

Scientifica

Korallen und Kokosnüsse

Von Menschenhand Geschaffenes (Artificialia), von der Natur Hervorgebrachtes (Naturalia), aus fernen Ländern stammende Dinge (Exotica) und wissenschaftliche Instrumente (Scientifica): Das sind die vier Ordnungskategorien, nach denen Kunst- und Wunderkammern zumeist gefüllt wurden. Sie umfassten alles, was zum Verständnis der Welt von Nutzen war.

Dazu gehören Mineralien, Tierpräparate, Muscheln und Schnecken, Geweihe, Elfenbein, Bernstein- und Buchsbaumschnitzereien, Drechselarbeiten, Gold- und Silberschmiedewerke, Kombinationen von abnorm, bizarr oder besonders formvollendet gewachsenen natürlichen Dingen (z.B. Korallen, Schildpatt, Perlmutt, Geweihe, Kokosnüsse, Straußeneier usw.) mit Sockeln oder Einfassungen. Aber auch wissenschaftliche Messinstrumente, Automaten, Produkte der Glaskunst, ursprünglich auch Bücher, kurzum alle Raritäten und Kuriositäten zählen dazu, alle Dinge, die man in damaliger Zeit einmalig, merkwürdig und wundersam fand. Das Ziel war in erster Linie der Erkenntnisgewinn, aber auch das Vergnügen des Sammelns, Besitzens, Betrachtens und Vorführens.

Präsentationsmöbel, sogenannte Kunstschränke, spielten eine wichtige Rolle innerhalb des Ordnungssystems der Kunst- und Wunderkammern. In ihnen wurden die Stücke nach bestimmten Prinzipien zusammengestellt und vor bestimmten Hintergrundfarben arrangiert. Spätestens im 19. Jahrhundert  endete mit der Etablierung der Spezialmuseen (Häuser für Naturkunde, Kunst usw.) die Zeit der Kunst- und Wunderkammern.

Graf Stroganoff badete in Aachen und stiftete fleissig

Der sehr umfangreiche und heterogene Aachener Museumsschatz ist das Ergebnis eines Gemeinsinns, eines erstarkten bürgerlichen Selbstverständnisses der späten Kaiserzeit und der Sammelleidenschaft der zu Wohlstand gekommenen Entrepreneurs in der Zeit der Industrialisierung. Der 1877 konstituierte Museumsverein und das 1883 gegründete Suermondt-Museum boten den Einwohnern Aachens Teilhabe an Bildung und Kunstgenuss. Lernen durch Anschauung, das Museum als Stätte der Erziehung, so hat es Samuel Quiccheberg in seiner Museumstheorie treffend formuliert. Repliken und Kopien wurden gleichberechtigt mit Originalen ausgestellt, das Ziel war eine möglichst vollständige Gesamtschau der Kunstäußerungen aller Zeiten und Weltgegenden. 

Viele Stiftungen und Vermächtnisse an das Museum kamen von Mitgliedern des Museumsvereins, dem die Spitzen der damaligen Gesellschaft aus Politik, Wirtschaft und Beamtentum, das Bildungsbürgertum und allgemein die Mitte des Aachener Gemeinwesens angehörten. Illustre ausländische Sammler genossen die kosmopolitische Atmosphäre der Stadt vor dem Ersten Weltkrieg, wie z.B. Graf Gregor Stroganoff und Staatsrat Alexander Svenigorodskoi, die zahlreiche Leihgaben zur Verfügung stellten, aber auch viele Stücke für das junge Museum beisteuerten. Die unterschiedlichen Teilsammlungen sind Ausdruck der Vorlieben und der Sammelpassion einzelner Personen.

Der Lobkowitzer Kaiserpokal zeigt 144 winzige Kaiserporträts

Die reichhaltige, jahrzehntelang magazinierte Kunstgewerbe-Sammlung des Museums bildet den Ausgangspunkt für die Inszenierung als Kunst- und Wunderkammer, die seit 2016 zum Genuss, zum Entdecken und sprichwörtlich zum Wundern und Staunen einlädt. Ausgesprochen typische Wunderkammer-Objekte werden gezeigt: so der prächtige sogenannte Lobkowitzer Kaiserpokal von der Hand des Prager Hofgoldschmiedes Hanns Reinhardt Taravell (um 1650, Leihgabe der Ludwig Stiftung), bergmännische Tafelzier in Form von Erzbrocken mit  aufgesetzten filigranen Silberarbeiten und vergoldeten Kupfermontagen aus dem 18. Jahrhundert, fein geschnitzte barocke niederländische Holzetuis für Tonpfeifen, eine Tabaksdose aus einem Schildkrötenpanzer mit Silberdeckel, ein Bettlerpaar aus Elfenbein mit Glasaugen und Bekleidung aus Buchsbaum von Simon Troger (1693/94-1768),  Bestecke des 16.-18. Jahrhunderts mit Griffen aus unterschiedlichen Materialien (Koralle, Bernstein, Achat, Elfenbein etc.), in China für den europäischen Markt hergestellte Hinterglasbilder des 18. Jahrhunderts, ein äußerst seltener schmiedeeiserner, durchbrochen gearbeiteter Hundemaulkorb aus der Zeit um 1500, ein alpenländisches Miniatur-Beinhaus mit geschnittenen Totenköpfen aus Knochen (frühes 19. Jahrhundert), ein kleiner, in Gestalt einer unbekleideten Frau geschnitzter Würfel des 17. Jahrhunderts, hölzerne Damebrettsteine der Frührenaissance mit geschnitzten Porträtreliefs, ein hölzerner Hirschkopf mit Echtgeweih (18. Jahrhundert), eine ägyptische Mumie mit bemaltem Sarkophag, afrikanische Waffen, japanische Schwertstichblätter, Möbel, eine französische Feldflasche des 18. Jahrhunderts aus einem Kürbis mit eingravierten Szenen zweier Kriegsschauplätze: schießende Soldaten und ein Liebespaar…